Ein Bett muss her

Ende September 1992

Dekanat der Karl Franzens Universität Graz. Immatrikulation an der Uni. Türöffnung – 8 Uhr. Massen von Erstsemestrige, die schon seit Stunden vor der Türe warten. In diesem Semester wird zum ersten Mal die Marke „eintausend BWL-Studierende“ geknackt. Ich bin eine davon. Und damals hab ich mir geschworen, NIE WIEDER an einer Uni Schlange zu stehen.
Karl Franzens Universität Graz (Quelle: Wikipedia):

Da oben steht übrigens mein Name. Wer genau hinschaut, findet ihn. (Quelle: archiv.uni-graz.at)

Ende August 2023

Es ist Sonntag. Normale Menschen schlafen dann aus, wenn sie nicht einen Job haben, in welchem sie am Sonntag arbeiten (müssen). Nicht so wir. Für Elis startet heute das Leben als Studentin.

„Who the f* is Elis?“

Smokie – Who The „F…“ Is Alice?

Elis ist Micaras jüngere Schwester. Von Micara hab ich schon ein paar Mal erzählt, siehe auch South Luangwa…

Elis hat letzten Herbst ihr Grade 12 Exam mit so guten Noten abgeschlossen, dass sie vom Staat ein Stipendium für die Mulungushi University erhalten hat. Dort startet sie nun mit dem Bachelor in Economics and Finance. Das staatliche Stipendium beinhaltet alle Studiengebühren, was ca. 1/3 der Kosten ausmacht. Die anderen Kosten für Logis und Verpflegung etc. werden von einem ganz lieben Menschen in der Schweiz übernommen. In Sambia ist der Grossteil der Studierenden darauf angewiesen, einen oder mehrere sog. Sponsors zu finden, welche mindestens einen Teil der Kosten tragen. Warum das so ist? Ein kleines Beispiel: Der Mindestlohn für einen Farmarbeiter liegt bei ca. 1’200 Kwacha pro Monat (und zur Erinnerung: ca. 30% der erwachsenen Bevölkerung hat einen bezahlten Job.) Ein Bett in einem Vier-Bett-Zimmer kostet 1’400 Kwacha pro Monat.

Gestern – Sonntag also – sind die beiden Mädels um 6:30 Uhr losgezogen, um an der Uni für ein Bett auf dem Campus anzustehen. Die Online Plattform für die Buchungen war seit Tagen ohne Information geschlossen. Am Samstag hat es nach viel Herumrennerei und Herumtelefoniererei geheissen, das Büro öffnet erst am Sonntag um 8 Uhr. Micara ist nach 3 Jahren an der Uni sehr gut vernetzt und eine grosse Hilfe für Elis.

Die Betten seien aber alle schon vergeben.
Studierende mit Stipendien bzw. mit Studierendenkrediten würden bevorzugt.
Es gäbe immer noch Studierende, die Betten zwar erhalten hätten, diese aber nicht benutzen würden, sondern weiter verkaufen würden.

Gerüchte

Gegen 9 Uhr stosse ich dann auch dazu. Es ist – gelinde gesagt – frustrierend. Hier ein paar Impressionen. Die Schlange reicht um diese Zeit immer noch mehr als 100 Meter zurück. Links diskutiert eine Gruppe von Eltern mit dem Verantwortlichen für die Campus Betten.

An dieser Dame von der Security kommt niemand so einfach vorbei.

Ratlose Gesichter bei den Mitarbeitenden der Universitätsverwaltung. Rechts der Verantwortliche für die Campus-Betten, links einer seiner der Mitarbeitenden, der seit Stunden den Studierenden immer die gleiche Auskunft gibt.

Diese Eltern (siehe Foto unten) haben bereits für die Betten ihrer Sprösslinge bezahlt und wollen nun verständlicherweise ihr Geld zurück. Dafür – wird ihnen mitgeteilt – müssen sie aber einen schriftlichen Antrag einreichen und das dauert dann einige Tage, bis das Geld zurückerstattet wird. Wie viele von ihnen es sich leisten können, jetzt nochmal Geld auszugeben um ausserhalb in einem der Boarding Houses ein Bett zu bezahlen, weiss ich nicht.

Die Universität zahlt nicht den gesamten Betrag zurück, sondern behält einen Teil als Bearbeitungsgebühr ein.

Gerücht

Wir unterhalten uns auch mit einigen Studierenden in der Schlange. Einer der Jungs hat 14 Stunden im Bus verbracht auf der Reise hierher, ist am frühen Morgen angekommen. Er ist müde und hat nun verständlicherweise gar keine Nerven mehr, kein Bett zu ergattern. Er ist alleine hier und für ihn ist alles neu.

There are 4’900 beds for 12’000 students. They are all already covered with students which are on loans or bursaries. We can’t do anything.

Employees of the Mulungushi University

Und dieser Herr scheint ebenfalls einer der Chefs zu sein.

Nach viermal Schlange-stehen vor diversen Gebäuden und Büros und einigen Gesprächen mit den Verantwortlichen (siehe Fotos) entscheide ich, dass wir das Ganze nun abbrechen und ausserhalb des Campus nach einem Boarding House Platz für Elis suchen, solange noch ein paar Betten ausserhalb verfügbar sind. Wahrscheinlich wäre mit „Bakschisch“ etwas möglich gewesen. Nur dann hört das mit der Bestechung nie auf.

Letztendlich haben wir ein Bett in einem neuen Boarding House sehr nah am Unigelände gefunden. Hoffentlich ist der Raum bis zum Freitag fertig. Und wir haben Begehrlichkeiten bzgl. Vermittlungsgebühren erfolgreich abgewehrt. Und hoffentlich bleibt Micara ihr Bett auf dem Campus erhalten und es passiert nicht noch etwas eigenartiges im Computersystem…

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