Es ist vollbracht! Alle Lernenden der Youth Academy haben ihre TEVETA Prüfungen in „General Agriculture“ bzw. „Designing, Cutting and Tailoring“ Ende September bestanden. Bereits im Mai (resp. August für die Schummler die Wiederholung) waren die Abschluss-prüfungen in „Business and Entrepreneurship„.
Und nun fand die grosse Graduation Feier statt. Sogar 4 TV-Sender waren vertreten und es gab einen Beitrag in den Nachrichten.
Für mich ein sehr emotionaler Tag, denn „meine Küken“ verlassen nun das Nest. Ich sehe in den Augen meiner Jungs und Mädels unbeschreibliche Freude es geschafft zu haben und Stolz. Aber ich sehe auch Furcht; Furcht, vor dem Unbekannten, vor dem Risiko wieder auf der Strasse zu landen. Und Trauer, Trauer die Freunde zu verlassen und ev. zu verlieren.

Und nun ist der Abschied da. Sie verlassen tröpf-chenweise die Schule. Viele Tränen werden vergossen. Bei anderen ist die Freude riesig, die Familie wieder zu sehen. Immerhin haben die meisten nun ihre Telefon-nummern ausgetauscht. Nun, da sie endlich Telefone nutzen können. Das wird in der nächsten Zeit das wichtigste Kommunikationsmittel zwischen ihnen sein. Alle haben auch meine beiden Telefonnummern erhalten, teilweise haben sie die Nummern auswendig gelernt. Einige melden sich täglich kurz bei mir. Ich hoffe, dass sie – wie andere Klassen vor ihnen – immer in Kontakt bleiben werden und sich gegenseitig unterstützen. Und da sie in den letzten Monaten wirklich zu einer Familie zusammengewachsen sind, bestehen dafür gute Chancen.

Gestern habe ich drei meiner Kids in Lusaka getroffen. Ernüchterung macht sich breit. Insbesondere bei einer Gruppe. Hier sind die Vorbereitungen der Schule bei der Reintegration in die Familie und der Planung der nächsten Phase offensichtlich nicht sehr gut gelaufen. In die Vorbereitungen der „Phase danach“ war ich nur punktuell involviert.
Von den sechs Mädchen kamen zwei von der Strasse. Bei den vier anderen mache ich mich keine grossen Sorgen, da sie aus intakten, wenn auch sehr armen, Familien kommen. Und wenn der Familienverband funktioniert, wie in diesen Fällen, dann wird innerhalb der Familie eine Lösung gefunden. Das habe ich im letzten Jahr gelernt. Und eines der Mädchen wird ab Dezember für 3 Monate ein Praktikum bei einer Freun-din von mir machen. Sie wird lernen, Schmuck aus recyceltem Plastik zu designen und herzustellen. Bei den anderen beiden liegt die Sache anders.
Die ältere, C., hat aber einen eigenen Plan und die Unterstützung eines Pastors. Dort kann sie vorerst kostenlos wohnen und ihr eigenes Business als Schnei-derin aufbauen. Sie ist motiviert und zuversichtlich und gestern haben wir auch über einen möglichen Plan B gesprochen. Der Pastor hat ihr davon abgeraten, ihre Mutter zu besuchen. Diese hatte angeblich vorge-täuscht krank zu sein, damit die Tochter ihr Geld nach Hause bringt. Die Tochter wohlgemerkt, welche sie umbringen wollte. Aber C. ist ein starkes Mädchen und sie wird es schaffen. Sie hat sich ihre Lösung mehr oder weniger selbst organisiert.
Die jüngere – unsere Jüngste – F., (ihr Alter ist irgendwo zwischen 14 und ev. 16), ist zurück zur Mutter. An der Graduation habe ich die Mutter kennengelernt. Weil F. einen Freund hier aus der Umgebung hat und sie sich in der letzten Zeit nicht mehr an die Regeln gehalten hat (Pubertät?), hat man sie gleich nach der Graduation Feier der Mutter mitgegeben. Bei ihr mache ich mir grosse Sorgen, dass sie wieder auf der Strasse landen wird. Ich befürchte, dass die Mutter nicht in der Lage sein wird, mit der Tochter zurande zu kommen.
Böse Zungen behaupten nun, man will die Statistik (keine Schwangerschaften an der Youth Academy) nicht gefährden. Andere sagen, das Budget reicht nicht bis Ende Jahr, um alle Kinder durchzufüttern, daher will man sie so schnell wie möglich zurück zu den Familien bringen.
Bei den Jungs ist die Situation anders, da hier wirklich alle auf der Strasse gelebt haben.
D, Vibes (Spitznamen) und A. gehen zurück zur jewei-ligen Mutter, resp. Grossmutter. A. wird von J. begleitet, die beiden sind befreundet und die Mutter will beide bei sich auf der Farm haben. Ich hoffe, dass sie nicht nur das Starterpaket sieht, dass die Jungs bekommen, sondern dass sie auch nach 3 Monaten dann noch gemeinsam dort sein werden und auf der Farm arbeiten können.
D und Vibes haben es in den eigenen Händen, D wird sehr von der Grossmutter unterstützt, eine starke Frau. Vibes ist ein echtes Design- und Schneider-Talent, ich hoffe sehr, dass er es nutzen kann und nicht in seine alten Verhaltensweisen zurückfällt. Ich hab ihm gesagt, dass ich ihn nicht mehr in der Zelle besuchen werde.
H. hätte eigentlich gemeinsam mit J. hier in der Schule bleiben sollen. J. unterstützt in der Produktion, er sollte den Führerschein machen, da er sehr geschickt mit dem Traktor ist. H., er hätte das Maintenance Team unterstützen sollen, war nur leider wenige Tage nach der Feier an einem Abend furchtbar betrunken, hat die anderen Jungs bedroht und ist dann abgehauen. Immerhin kam zwei Tage später die erlösende Nachricht, dass er heil bei der Mutter angekommen ist. Keine Ahnung, wie es mit ihm weitergehen wird.
S. geht vorerst zur Familie zurück, will dann seine Grossmutter im Norden besuchen und hat ab Januar (dann ist er 18) einen Job auf einer Farm. Ich hoffe, er überlegt es sich in der Zeit bis dahin nicht anders. Aber immerhin meldet er sich im Moment täglich bei mir. Er kommt aus einer sogenannten child-headed family, da die Mutter, die als maid arbeitet, bei ihrem Arbeitgeber wohnt und die Kinder und Jugendlichen sich selbst überlassen sind. Aber innerhalb ihrer Möglichkeiten sorgt sie für ihre Kinder und ich weiss, dass S. seine Mutter immer wieder sehr vermisst hat.
Dann ist da noch E., der eigentlich hier hätte bleiben sollen, bis eine gute Lösung gefunden ist. Gestern ist er abgereist, habe ich gehört, als ich von Lusaka zurück-kam. Keine Ahnung, wie die Lösung für ihn aussieht. Er macht mir Sorgen, denn er ist auch erst knapp 17. Aber ich habe ihm eingeschärft, dass er sich, wenn immer er in Schwierigkeiten ist, sich bei mir melden soll. Wenn er meine Nummer nicht mehr weiss oder er nicht telefo-nieren kann, habe ich ihm eine Anlaufstelle in seiner Stadt gegeben und gesagt, an wen er sich dort wenden soll. Einer der beiden ist mein Co-Worker Kollege. Er arbeitet auch mit ehemaligen Strassenkindern in einer anderen Organisation.
Dann haben wir noch das Trio Gee, Dux und S. Hier scheint die geplante Lösung (die drei starten gemein-sam bei der Familie von Dux mit einer Hühnerzucht) nicht zu funktionieren und morgen gibt es eine Notfall-sitzung. Gee kennt ihr von den Songs. Bei ihm mache ich mir auch Sorgen, da er erst 16 ist. Ansonsten könnten wir ihn auf der Farm unterbringen, aber das wäre mit dem neuen Kinderschutzgesetz illegal. Der Vater ist schwer krank. Im gleichen Haus leben 15 Kinder und Jugendliche. Ihn habe ich gestern in Lusaka getroffen. Dux ist immerhin bei der eigenen Familie. Als Schneider ist es für ihn leichter, Einkommen zu generieren. S. hat eine Suchtkarriere, was es auch nicht einfach macht. Ich hoffe, dass wir morgen eine gute Lösung finden werden.
Und hier der Song zum Download. Achtung! Das ist ein Ohrwurm. Der Refrain bedeutet: „I don’t call you Madame, I call you Mum. I don’t call you Sir, I call you Dad“. und „zikomo“ bedeutet danke.
Für M. haben Levy und ich einen Platz bei unserer Geschäftspartnerin Kekana gefunden. Nach drei Tagen dort hat er sich so gut integriert, dass alle das Gefühl haben, er ist schon lange dort. Er ist bereits Teil der Familie. Darüber freue ich mich sehr, weil er ein so liebenswerter Kerl ist. Diejenigen, die das Horizonte gelesen bzw. das Video gesehen haben, kennen ihn und Kekana (sie war mit mir auf dem Titelbild zu sehen). Er war 7 Jahre auf der Strasse und vor wenigen Monaten hat er auch noch seine wichtigste Bezugsperson in der Familie, seine Grossmutter verloren. Ursprünglich war der Plan, ihn zu entfernten Verwandten im Copperbelt zu schicken. Diese Vorstellung hat ihn richtig gestresst. Nun strahlt er übers ganze Gesicht und ich habe gestern ein Foto von ihm und seiner Chefin bekommen. Beide sind am späteren Abend immer noch fleissig am Arbeiten, um einen Auftrag fertigzustellen. Er hat nicht nur einen Job, sondern auch eine neue Familie gefunden.
Vorhin habe ich das Starterpaket erwähnt: im Tailoring erhalten sie eine Nähmaschine, Bügeleisen, diverse Chitengestoffe, Nadel und Faden, etc.; im Agriculture Bereich gibt es ein «Hühnerset», d.h. Küken (Bibeli), Futter, Wasserspender, Futtertrog etc. (Die Hühner sind nach 6 Wochen gross genug, um sie zu verkaufen). Das Mädchen, welches das Praktikum machen kann, hat um das Tailoring Paket gebeten, da sie mitten in der Stadt und während des Praktikums keine Hühner züchten kann. Ausserdem hat sie in ihrer Freizeit neben Agriculture auch noch im Tailoring so viel wie möglich gelernt. Warum man ihr dann allerdings nur das halbe Starterpaket gibt, verstehe wer will. Eine nachvollzieh-bare Erklärung haben wir dafür bisher nicht erhalten.
Fortsetzung folgt…
Vorschau
Am 24. Dezember werde ich hoffentlich alle zusammen wiedersehen. Wir sind eingeladen, an der Christmas Party einer anderen NGO in Lusaka, die von einem Freund von mir gegründet wurde und geleitet wird, teilzunehmen und sie mit unseren Tanzperformances zu rocken.
Anmerkung: Alle Fotos und Videos wurden von anderen Personen aufgenommen und bereits online gepostet. Daher habe ich mir erlaubt, sie auch hier zu verwenden. Und „meine Kids“ finden es sowieso cool.

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