Ich wusste nicht, dass ich so müde sein kann. Ich bin seit Montag «on duty». Das ist sowas wie Pausenaufsicht, aber nicht nur in den Pausen, sondern von 7:30 in der Früh bis 21:00 abends und das von Montag bis Sonntag. Ein Sack Flöhe zu hüten ist einfacher als 45 Jugendliche. Da nützt es auch nix, dass wir zu zweit sind. Wir haben uns im Laufe der Woche etwas aufgeteilt. Aber zu den Essenszeiten (Mittag und Abend) müssen wir beide hier sein. Auch wenn einige Jungs vom 2. Jahrgang die Essensausgabe sicherstellen, muss ein Erwachsener dabei sein, damit es nicht in einer Schlägerei ausartet. Warum? Ganz einfach. Es geht um Essen. Und da alle der aktuellen Jungs (wir haben nur noch ein Mädchen, im 2. Jahrgang) mehr oder weniger lange auf der Strasse waren, ist Essen etwas vom Wichtigsten. Dafür lohnt es sich zu kämpfen.
Die Essensausgabe wird von den sogenannten Präfekten organisiert. Einer der Jungs verteilt Nshima, jeder bekommt 3 handgrosse «Knödel» (meine kleinen Hände). Die anderen verteilen Sojachunks (oder Gemüse mit Erdnusssauce oder Eier…, etwas proteinhaltiges) und ein anderer Gemüse.

Das für mich faszinierendste ist, dass – obwohl um Essen gekämpft wird – in der Regel zwei oder drei Jugendliche gemeinsam von ein oder zwei Tellern essen. Familienersatz? Die Geschichten, warum die Jugendlichen auf der Strasse landen, werden immer vielfältiger. Jede:r hat wirklich seine bzw. ihre eigene Story.
Auf Baustellen und auf der Farm sitzen alle um die drei Töpfe und teilen das Essen. Nshima wird mit der rechten Hand gegessen. Zuerst wird der Teig (fühlt sich an wie zu festes Kartoffelpüree) zu einem Ball geknetet und dann wird es zwischen Daumen und Fingern flach gedrückt, und damit wird dann das «Relish» aufgenommen. Wenn es Okra gibt (die schleimigen), dann muss man aus dem Nshima eine kleine Schüssel oder eher eine Löffelform formen, damit man die Sauce damit aufnehmen kann. Alles eine Frage der Übung.

Davor wäscht man sich natürlich die Hände und danach sowieso.
Nshima wird aus Mealie Meal (Maismehl, aus weissem Mais) gekocht. Und der Mealie Meal Preis ist im Moment sehr hoch. Das ist natürlich die Schuld des aktuellen Präsidenten, genauso wie die aktuelle Dürre seine Schuld ist. Dass die Bauern letztes Jahr vor allem Sojabohnen angepflanzt haben und nicht Mais, weil sie zu wenig Geld für Dünger hatten, darüber spricht niemand. Für Sojabohnen braucht man keinen Dünger. Denn in den Augen der ländlichen Bevölkerung ist es die Aufgabe des Präsidenten, dafür zu sorgen, dass die Kooperativen alle mit Dünger versorgt werden.
Diese Saison, d.h. letztes Jahr im September, hat die Verteilung besser funktioniert. Nur damit die Kooperativen dann anschliessend erfolgreich Handel mit den erhaltenen Düngersäcken betreiben und diese günstiger anbieten, als sie auf dem freien Markt zu kaufen sind. Und nun vertrocknet der Mais auf den Feldern, da wir die Auswirkungen von El Niño und Klimwandel direkt spüren. Das heisst, die Preise werden nochmal steigen und ich befürchte, dass wir in einigen Gebieten eine Hungernot erleiden werden.
Alle reden davon, dass man besser die Dürre-resistenten Sorten anbauen soll. Das ist ja schön und gut, nur muss man sie dann auch kaufen können. Generell ist der Kauf von Saatgut ein richtig kompliziertes Thema. Es gibt natürlich Syngenta, Seed Co, Zamseed, Panar und wie sie alle heissen. Wenn man dann aber eine bestimmte Sorte kaufen will, findet man sie nicht. Wir sind Anfang Saison in ca. 20 verschiedenen Agric Shops gewesen, nicht hier im Bush, nein, in Lusaka und hatten keine Chance, die von uns ausgewählte Sorte zu finden.
Und nun habe ich auch noch herausgefunden, dass der Handel mit «organic seeds» verboten ist. Das soll mal einer verstehen. Darauf hat mich ein Hinweis von Herrn Schlaefle, Journalist beim Tagi, gebracht. Vor einigen Wochen gab es einen interessanten Artikel von ihm im Tagi über das Verhalten der Syngenta Stiftung. Daraus ist dann ein E-Mail-Austausch entstanden, da ich – ihr erinnert euch vielleicht – im Oktober 2022 diese Entdeckung bzgl. Verschenken von fast abgelaufenen Chemikalien durch Syngenta gemacht habe. Er hat mich darauf hingewiesen, dass «organic seeds» in diversen afrikanischen Ländern verboten sind. Meine Vermutung ist, dass dahinter eine saftige Portion Lobbying der grossen Agrochemieriesen steckt.
Jetzt bin ich etwas abgeschweift, sorry. Zurück zu «meinen» Jugendlichen. Gestern waren unsere grossen «Jungs», d.h. der männliche Part der Mitarbeitenden zu einem Fussballturnier an einer anderen Schule eingeladen, mit den weiblichen Mitarbeitenden als Fans zur Unterstützung. Ich habe meinem Duty-Partner Richard versprochen, dass er mitfahren kann, denn ich dachte, mittlerweile haben wir uns ja aneinander gewöhnt, alles läuft mehr oder weniger reibungslos. Wenn es zum «bebla» (ausgesprochen wird es bewla und ist ein Nachschlag) kommt, sind wir mittlerweile sogar richtig gut im Schlange stehen. Nur um dann festzustellen, dass das Küchenteam vergessen hat, die Teller für den 1. Jahrgang bereitzustellen. Das ganze Küchenteam inkl. Schlüssel für das Geschirrlager war am Fussballturnier. Was also tun? 45 Jugendliche und 7 Teller… Wir haben es gelöst, alle haben gegessen und ich bin stinksauer auf das Küchenteam. Und natürlich haben dann alle angefangen, die Schuld auf die anderen zu schieben.

Noch anderthalb Tage, dann ist meine Woche um. Am Montag werde ich vor allem SCHLAFEN und nur zu unserem «Common Meeting» um 16 Uhr zur Schule gehen. Seit zwei Wochen sind nämlich die neuen Jugendlichen hier. Und am Montag findet das erste Meeting statt, an dem alle Mitglieder der Youth Academy teilnehmen und sich auch alle anderen Mitarbeitenden vorstellen werden.
Ich stelle fest, dass jeder Jahrgang einen ganz eigenen Charakter als Gruppe hat. Was mich allerdings am meisten amüsiert ist, dass «meine Kids», die im November graduiert haben und es nicht erwarten konnten, von hier wegzukommen, nun einer nach dem anderen hier wieder auftauchen, vor allem die Jungs. Leider sind auch drei wieder zurück auf der Strasse, was mir fast das Herz bricht. Insbes. mit einem der Mädchen versuchen wir immer wieder Kontakt aufzunehmen und sie zu überzeugen, dass sie hierher zurückkommt. Bisher leider erfolglos.
Der zweite Jahrgang hat nur noch ein Mädchen. Die Jungs sind z.T. richtige «Schlitzohren», charmante Schlitzohren… Wir haben nun mit Business Klassen begonnen. Ausserdem haben wir den Stundenplan angepasst und neue Fächer integriert, bei denen wir gemerkt haben, die fehlen: Computer Lessons haben den unglaublichen Vorteil, dass sie die Motivation erhöhen, Lesen, Schreiben und Chizungu (Englisch) zu lernen. Wer nicht in der Literacy Klasse teilnimmt, kommt nicht zum Computerkurs. Wer zu spät zum Kurs erscheint, hat keinen PC und muss auf die zweite Hälfte der Lektion warten. Ausserdem haben wir Kochen und Ernährungslehre eingeführt, da wir mit dem letzten Jahrgang während der zwei Monate Praktikum (und auch nachdem sie hier weg sind) festgestellt haben, dass sie zwar kochen können, aber keine Ahnung haben, wie sie mit einem Budget für einen Monat umgehen können, wie sie Lebensmittel richtig aufbewahren (z.B. Eier und Tomaten in der Sonne) und wie sie sparsam mit den Lebensmitteln umgehen und diese nicht verschwenden. Unser Glück ist, dass wir im Moment eine Freiwillige hier haben, Fernanda, die gelernte Köchin ist. Sie hat sich bereit erklärt, diese Klassen zu übernehmen, gemeinsam mit unserer Verantwortlichen für die Küche, Madame Mubinga.
Und die neuen Jungs sind, verzeiht mir bitte die Wortwahl, aber sie sind wirklich herzig. Sie sind pünktlicher als der zweite Jahrgang (und die sind schon besser als die Vorgänger:innen), sie lieben das Abendprogramm (Storytelling, Games, Movienight … – ich sag es euch, es ist wie in der Skiwoche früher) und sie essen wie, ja wie? Staubsauger? Mähdrescher? Keine Ahnung, wie so halbe Portiönchen so viel Essen in sich reinstopfen können. Und satt sind sie übrigens erst, wenn man den Bauch nicht mehr nach innen drücken kann, also kurz bevor er platzt. Das haben sie mir heute sehr eindringlich erklärt.

Und ab Freitag habe ich dann 5 Tage frei. Ich werde schlafen, essen, schlafen, fernsehen, schlafen, lesen, essen, schlafen…

Und dann bin ich noch eingeladen, einen einwöchigen Workshop abzuhalten am DAPP Teachers College. Das freut mich besonders, denn hier habe ich die Möglichkeit mit vielen angehenden Lehrpersonen eine Woche lang über moderne Unterrichtsmethoden zu diskutieren. DAPP möchte Lehrpersonen ausbilden, die weg vom Lehrer-zentrierten hin zum mehr Schüler-zentrierten Unterricht gehen. Das ist absolut nötig, denn hier gilt es immer noch, dass vor allem die Lehrperson spricht. Wir werden schwerpunktmässig Lernspiele entwickeln, und das werden wir vor allem aus «Abfall» machen. Ich bin es nämlich langsam leid, immer die gleiche Ausrede zu hören, dass für Lehrmaterial kein Geld vorhanden ist, daher kann man das nicht machen.

Und am 28. März geht dann mein Flug nach München. Ich freue mich schon, viele von euch persönlich zu treffen. Dann kann ich auch erzählen, wie die Woche in Mkushi am Lehrercollege war.


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